Fremdenfeindlichkeit


Menschenfeindlichkeit

Eine schwarze, poröse Masse, die zu zerbröckeln scheint.Fremdenfeindlichkeit ist Menschenfeindlichkeit. Nicht deswegen, weil Fremde auch Menschen sind und man deshalb sagen könnte: Fremde Menschen nicht zu mögen, bedeutet, Menschen nicht zu mögen. Das stimmt zwar, wäre aber doch zu oberflächlich. Stattdessen kann man sagen: Echten Menschenfreunden ist es egal, woher ein anderer Mensch ursprünglich kommt und welche Kultur oder Religion er hat. Wer hingegen seine Menschenfreundlichkeit vom kulturellen Hintergrund des Anderen abhängig macht, sagt damit: Ich mag andere Menschen, wenn sie so sind wie ich selbst. Das ist aber keine Menschenfreundlichkeit, sondern nur eine Form der Abgrenzung. Denn wenn wir eins mögen, dann natürlich das, womit wir vertraut sind. Und vertraut sind wir am meisten mit uns selbst, mit unseren Gewohnheiten, unserem Lebensstil und den kulturellen Gepflogenheiten, die unsere Wahrnehmungen und Assoziationen im Alltag bestimmen. Und je mehr unser tägliches Funktionieren von heimatlichen Gepflogenheiten abhängt, desto weniger mögen wir alles, was diese gewohnten Wahrnehmungen stört.

Sind uns unsere gewohnten Sitten und Bräuche jedoch weniger wichtig, stören uns auch Menschen nicht, die andere Sitten und Gebräuche haben. Wir interessieren uns dann für den Menschen, und nicht für seinen kulturellen Hintergrund, der eher nebensächlich ist.

Bedingungen an unsere Mitmenschen

Wir teilen die Menschen in Gruppen ein, in Völker, in Ausländer und Inländer, in dunkel- und hellhäutige, in dünne und dicke, in blonde, brünette und schwarzhaarige, in schlau und dumme Menschen.
Ein Mensch zu sein, reicht uns nicht. Es genügt nicht, freundlich und friedlich zu sein. Manchmal sind Freundlichkeit und Friedlichkeit sogar hinderlich oder unerwünscht. Stattdessen muss man die richtige Hautfarbe und die richtige Religion haben. Man muss die richtige Sprache sprechen und aus dem richtigen Land kommen, verbunden mit einer bestimmten politische Einstellung.

Erfüllt man all diese Bedingungen, hat man Chancen, respektiert zu werden, eine Garantie ist das allerdings nicht. Doch diese Art Respekt ist kein wirklicher Respekt, sondern nur eine Form von Duldung: Solange man diese Bedingungen erfüllt, wird man in Ruhe gelassen.

Ein filigranes Geäst, ähnlich wie die feinen Adern einer durchbluteten Haut.

Doch woran liegt es, dass wir so viele und eigentlich unwichtige Bedingungen an unsere Mitmenschen stellen, damit wir sie akzeptieren können? Die äußere Erscheinung und der kulturelle und religiöse Hintergrund eines Menschen sind doch eher unwichtig. Was nützt es uns denn schon, wenn ein Mensch die gleiche Hautfarbe oder Religion hat wie wir, er jedoch ein Arschloch ist? Viel lieber sollten uns Menschen sein, die friedlich, interessant und kreativ sind. Der Grund für dieses seltsame und widersprüchliche Verhalten ist Folgendes:

Eigentlich sind wir fast alle, auf unterschiedliche Arten, tief verunsicherte Lebewesen.

Wir wissen vielleicht nichts davon, weil Verunsicherung nicht automatisch als solche zu erkennen ist, denn sie ist ein unangenehmes Gefühl, das wir gerne verdrängen oder kaschieren. Damit uns diese innere Verunsicherung nicht bewusst ist, vermeiden wir die Situationen, in den sie auftreten kann. Das tun wir, indem wir uns ein Umfeld suchen oder gestalten, in dem wir uns wohlfühlen und entspannen können.

Die Gegend, in der wir wohnen, ist uns vertraut. Unsere Wohnung ist so eingerichtet, wie wir es traditionell gewohnt sind und die Menschen, mit denen wir zu tun haben (beim Job, in der Nachbarschaft, in der Öffentlichkeit), ähneln uns in möglichst vielen Aspekten. Sind diese Bedingungen erfüllt, ist die Gefahr der Konfrontation mit Dingen, auf die wir nicht vorbereitet sind und mit denen wir schlecht umgehen können, gebannt.

Ein heller Fleck in Dunkeln, wie ein Durchgang in eine fremde Welt.

Und das ist die Voraussetzung für ein entspanntes und sorgenfreies Leben – vorausgesetzt, wir haben einen Job und unser Privatleben ist halbwegs in Ordnung. Wir werden nicht genötigt, Dinge wahrnehmen und einordnen zu müssen, die uns fremd sind, denn alles ist so, wie wir es erwarten. Deswegen reagieren wir allergisch auf alles, was diese Eintracht stört. Und fremde Menschen mit einer fremden Kultur und einem ungewohnten Äußeren sind der größte Störfaktor für unsere künstlich harmonisierte Welt.

Fremdenphobie ist Angst vor Menschen

Fremde Kulturen, ungewohnte Phänotypen, andere Sitten, Gebräuche und Religionen machen uns befangen, weil wir nicht wissen, wie wir uns verhalten sollen.

Wie der Blick aus dem Weltall auf eine nebelverhüllte Erde. Ein holzähnliches Element schwebt davor.

Unser gesamter Verhaltenskanon ist nämlich einer Programmierung ähnlich. Sind wir sozial aktiv, laufen im Wesentlichen sozialspezifische Programme ab. In Situationen, mit denen wir sehr vertraut sind, weil wir sie seit unserer Kindheit kennen, geschieht das für gewöhnlich virtuos. Doch für Situationen, mit denen wir nicht vertraut sind, gibt es keine entsprechende Programmierung und das heißt, wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen – wir sind nicht mehr souverän. Und das gefällt uns verständlicherweise nicht. Wir fühlen uns unsicher und unwohl – doch das können wir uns nicht eingestehen. Die einzige Möglichkeit, dieses Gefühl der sozialen Verunsicherung zu vermeiden, ist, solche Situationen erst gar nicht entstehen zu lassen. Das gelingt uns, indem wir fremde Menschen mit ihren fremden Kulturen aus unserem Umfeld fernhalten.
Streng genommen handelt es sich bei unserer Fremdenphobie jedoch um Menschenfeindlichkeit. Das fremde Aussehen mancher Menschen ist nur ein Auslöser, denn auch Einheimische lehnen wir ab, wenn sie unseren Erwartungen nicht entsprechen. Wer sich nicht so verhält, nicht so aussieht wie wir, den wollen wir in unserem Umfeld nicht haben. Sind andere Menschen nicht so wie wir, mögen wir sie nicht und nutzen deswegen jede Begründung, mit der wir unsere Abneigung rechtfertigen können. Das ist alles!

Wären wir Menschenfreunde, würden wir uns am Aussehen, dem Lebensstil und der Herkunft anderer Menschen nicht stören.

Ganz im Gegenteil: Es würde uns gefallen, Menschen in unserer Nachbarschaft zu haben, die anders aussehen als wir. Denn das macht unserer Leben reichhaltiger. Doch wir sind mit uns selbst so sehr im Unreinen, dass fremde, ungewohnte Menschen für uns Stress bedeuten.


Nächste Seite zum Thema NATIONALISMUS: ⇒⇒

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.