Archaische Gewohnheiten ablegen

Archaische Gewohnheiten ablegen

12 Jul 2013 0 Von Stirzeltuff

Angst und Traumatisierung

Fast alles Elend in der Welt ist auf unsere Abneigung gegen das Teilen zurückzuführen. Unsere Angst, zu kurz zu kommen, zwingt uns Schätze und Vorräte anzuhäufen, die wir realistisch betrachtet niemals verbrauchen können. Wir sind traumatisiert und leiden unter der ständigen Angst, nicht genug zu haben. Möglicherweise ist dieser Trieb zur übermäßigen Anhäufung von Vorräten ein Erbe unserer archaischen Vergangenheit, eine genetische Disposition, von der die gesamte Menschheit betroffen ist. Damals war es tatsächlich sinnvoll, mehr Vorräte als nötigt zu besitzen, denn wir wussten nie, was das nächste Jahr bringt. Wir konnten auf die Bedürfnisse fremder Menschen keine Rücksicht nehmen, denn es war schon schwierig genug, das eigene Überleben zu sichern.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Wir sind dem Willkürcharakter der Natur weitestgehend nicht mehr ausgeliefert, wie noch im Mittelalter, in der Steinzeit oder zu prähistorischen Zeiten.

Wir können heute unsere Umwelt gestalten und haben großen Einfluss auf unsere Ernteerträge. Wir haben die Möglichkeit, Überflüsse der einen Region an andere mit Unterversorgung weiterzuleiten. In keinem Land der Erde müssten heute noch Menschen hungern oder im Elend leben, während in anderen Teilen Überfluss herrscht. Ist so etwas der Fall, dann nur, weil wir es zulassen.

Die reichen Länder könnten ihre Überschüsse problemlos an die armen weiterleiten, ohne darunter zu leiden, denn diese Lebensmittel werden in der Regel sowieso vernichtet (aus marktpolitischen Gründen) – was auch noch Geld kostet. Anstatt Geld zur Lebensmittelvernichtung auszugeben, könnten wir es nutzen, um unsere überflüssigen Lebensmittel dorthin zu bringen, wo sie dringen gebraucht werden. Doch das interessiert uns nicht, denn damit lässt sich nichts verdienen. Das wissen wir zwar, sprechen es aber nicht aus. Stattdessen behaupten wir, das Verschenken von Lebensmitteln an arme Länder ist aus logistischen Gründen nicht möglich oder würde an internationalen Ausfuhrbestimmungen oder ähnlichen Hemmnissen scheitern. Das ist natürlich eine Ausrede, denn wenn wir wirklich wollten, fänden wir Wege – selbst wenn es schwierig ist. Doch wir tun es nicht, weil uns die Menschen anderer Länder egal sind. Außerdem mögen wir die Vorstellung nicht, andere „durchzufüttern“. Es kommt noch schlimmer: Viele der Missstände in Ländern der sogenannten Dritten Welt sind direkt oder indirekt auf die Wirtschaftspolitik der westlichen Staaten und unser Konsumverhalten zurückzuführen. Das wissen wir mehr oder weniger alle. Die westlichen, reichen Industriestaaten toben sich auf dem Rücken der armen Länder aus, die sich das gefallen lassen müssen, denn sie können sich gegen die dreisten Übergriffe der transnationalen Konzerne nicht wehren.

Ausbeutung der sog. Dritten Welt

Wir lassen in Ländern der Dritten Welt T-Shirts, Hosen oder andere Verbrauchsgüter produzieren, denn die Lohnkosten sind dort so niedrig, dass sie ohne Bedeutung sind. Wir wissen, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen in diesen Ländern von ihren Hungerlöhnen nicht leben können und die dort herrschenden Arbeitsbedingungen menschenunwürdig sind. Wir tun aber so, als läge das nicht in unserer Verantwortung.

Die Situation der Arbeiter und Arbeiterinnen in diesen Staaten ist jedoch nur deshalb so katastrophal, weil unser Konsum der dort hergestellten Produkte dieses System der Ausbeutung möglich macht. Würden wir uns weigern diese Produkte zu kaufen, würde dieses Modell der modernen Sklaverei sich nicht halten können. Dann hätten wir vielleicht weniger Klamotten in unseren Schränken, aber immer noch genug.

Gleichgültigkeit

Ein weiteres augenfälliges Merkmal unserer mangelhaften Empathiefähigkeit sind unsere Waffenexporte an despotische Regierungen. Wir wissen, dass dort mit diesen Waffen die Bevölkerung brutal unterdrücken wird. Doch unsere verantwortlichen Regierungsmitglieder, die diese Exporte genehmigen, haben auch hier eine Ausrede parat: Es kann nicht bewiesen werden, dass mit exakt diesen Waffen die Bevölkerung unterdrückt wird. Die despotischen Regierungen würden dazu andere benutzen. Würden wir diese Waffen dorthin nicht verkaufen, würde das an der Situation der Bevölkerung dort nichts ändern, wird behauten. Eine solche Argumentation zeigt, die Menschen anderer Länder sind uns völlig egal, solange die Geschäfte gut gehen.

Unser mangelhaftes bis überhaupt nicht vorhandenes Interesse an der Situation anderer ist größtenteils für all das verantwortlich. Das Leben fremder Menschen „interessiert“ uns nur, wenn wir davon profitieren.

Das bedeutet: Unser Interesse für die Belange anderer ist meistens vorgetäuscht, es dient uns zur persönlichen Vorteilssicherung. Wir benutzen andere Menschen und deren Situation für unsere eigenen egoistischen Ziele und sind dabei sehr geschickt, diese Tatsache zu verbergen. Wir gaukeln Anteilnahme vor, in Wirklichkeit ist es Geschäftstüchtigkeit. Das ist die Strategie, mit der wir seit Jahrtausenden erfolgreich sind. Doch wie bereits erwähnt, wird sie nicht geeignet sein, die Zukunft der Menschheit zu gestalten.

Noch sind wir gewohnheitsmäßig davon überzeugt, dass wir (als einzelne und Nationen) nur im Konkurrenzkampf eine Chance hat. Dieser Glaube lebt von der Angst übervorteilt zu werden, von der Angst zu kurz zu kommen. Wir wollen Freundschaft, ohne dabei unseren persönlichen Vorteil aufs Spiel zu setzen. Unsere Freundschaften, besonders die internationalen, sind Partnerschaften, Allianzen oder Föderationen, die von gemeinsamen Interessen am Leben gehalten werden. Verschwinden diese, verschwindet auch die Freundschaft.